Archiv für Oktober 2016

[Vortragsreihe] Kapitalismus Forever? – Zur Notwendigkeit marx’scher Ökonomiekritik

Marx

Kapitalismus Forever? – Zur Notwendigkeit marx’scher Ökonomiekritik

Kaum jemand wird in der Linken so häufig zitiert und rezipiert wie Karl Marx. Egal ob es um ein Flugblatt gegen staatliche Repression, einen Text zu aktuellen sozialen Kämpfen oder eine Analyse der derzeitigen ökonomischen Entwicklung geht, ein passendes oder unpassendes Zitat von Marx darf oft nicht fehlen. Mit ihm als Kronzeugen soll dem jeweiligen Unterfangen Legitimität verliehen werden. Trotz dieser zahlreichen Verweise auf Marx tritt die marx‘sche Analyse und Kritik bei aktuellen Debatten häufig in den Hintergrund oder wird bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Statt die marx‘sche Kritik auf die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse zu übertragen wird sie lieber historisiert.

In unserer dreiteiligen Veranstaltungsreihe wollen wir daher der Frage nachgehen welche Aktualität die marx’sche Kritik der politischen Ökonomie heute besitzt. Wie kann eine emanzipatorische Kritik der bestehenden Verhältnisse heute aussehen? Welchen Beitrag kann die marx’sche Analyse
zu aktuellen Debatten leisten? Und wie kann eine materialistische Kritik der Geschlechterverhältnisse im Kapitalismus aussehen?

1. Dezember 2016
Stefan Dietl – „Blame the System!“ – Kleine Einführung in die Kapitalismuskritik

Für die einen „gibt es kein System, das die Armut schneller beseitigt“ (Wirtschaftswoche), und sind sich daher sicher, dass er „alternativlos ist und bleibt“ (Die Welt) und „dass die Menschen die kapitalistische Wirtschaftsordnung lieben“ (FAZ). Für die anderen „ist der Kapitalismus gescheitert“ (attac) und die „Idee des Kapitalismus tot“ (Michael Moore), während die nächsten feststellen das „der Kapitalismus so quicklebendig ist wie nie“ (Spiegel). Doch was ist eigentlich der Kapitalismus von dem alle reden? Welche historischen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen kennzeichnen die kapitalistische Produktionsweise und wie kann eine emanzipatorische Kritik an den bestehenden Verhältnissen aussehen? Stefan Dietl versucht einige grundlegenden Vorstellungen der Marx´schen Kritik der politischen Ökonomie vorzustellen und in Grundbegriffe wie Ware, Wert und die Entstehung des Mehrwert einzuführen. Dabei wird er sich auch mit den regressiven Vorstellungen mancher „Kapitalismuskritiker“ beschäftigen und der Frage nach gehen, ob und wie eine emanzipatorische Aufhebung der kapitalistischen Verhältnisse möglich ist.

Einführend zu dem Thema findet am 16. Dezember ab 14 Uhr ein Workshop statt. Näheres erfahrt ihr bei der Veranstaltung mit Stefan Dietl.

5. Januar 2017
Roland Röder (Aktion 3. Welt Saar) – Fairer Handel – Ist eine bessere Welt käuflich?

Der Faire Handel verspricht, die Welt durch Konsum sozial gerechter zu machen und hat jährlich ein zweistelliges Wachstum. Doch im Rausch der Wachstumskurven geraten zumeist die politischen und ökonomischen Grundlagen aus dem Blick. Kann man eine bessere Welt wirklich kaufen, kann es einen fairen Kapitalismus geben? Genau das unterstellt der Faire Handel: Die Welt werde besser, die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen ein Stückchen gerechter, wenn viele Menschen ‚gerecht‘ kaufen und konsumieren. Dies wird auch von Bundes- und Landesprogramme genährt, die jährlich zweistellige Millionenbeträge an die Fair-Handels-Akteure ausschütten. Die damit geförderte Entpolitisierung wird fürstlich alimentiert.

Der Referent war Redaktionsmitglied der Flugschrift „Fairer Handel – Ist eine bessere Welt käuflich?, die die Aktion 3.Welt Saar gemeinsam mit dem Ökumenischen Netz Rhein-Mosel-Saar (Koblenz) heraus gegeben hat. Die vierseitige Publikation erschien in einer Auflage von 120.000 Ex. und lag u.a. der taz, dem ND und der Jungle World bei. In der Flugschrift werden Erfolge des Fairen Handels benannt, aber auch seine Grenzen. Die HerausgeberInnen kommen aus der Fair-Handels-Praxis. Aber sie teilen nicht die (Wachstums-) Euphorie vieler Fair-Handels-Akteure, weil sie den Fairen Handel im Zusammenhang des ‚Ganzen’ der kapitalistischen Gesellschaft reflektieren. Diese Gesellschaftsformation stößt an die Grenzen ihrer Reproduktionsmöglichkeiten. Dies zeigt sich in den vielfältigen globalen Krisen.

Roland Röder ist Geschäftsführer der Aktion 3.Welt Saar e.V. (www.a3wsaar.de). Die Aktion 3.Welt Saar betreibt einen 3.Welt Laden, sieht aber manches dazu kritisch. Der Referent ist zudem aktiver Fußballfan und Kleingärtner. In der Jungle World schreibt er die Gartenkolumne „Krauts & Rüben. Der letzte linke Kleingärtner“.

2. Februar 2017
Roswitha Scholz – Das Geschlecht des Kapitalismus

Kapitalismus und patriarchales Geschlechterverhältnis sind untrennbar miteinander verbunden. Unterdrückung, Ausgrenzung und Minderbewertung von Frauen sind keine Überbleibsel der Vormoderne, sondern Ausdruck einer spezifisch modernen Geschlechterordnung. Es ist die kapitalistische Warenform selbst, welche ebenso wie Aufklärung, bürgerliche Freiheit und abstrakte Rationalität ohne die Abspaltung und Minderbewertung eines Weiblichen nicht denkbar ist und diese Abspaltung zur stummen Voraussetzung hat. Frauen wird in der kapitalistischen Moderne dabei nicht nur die häusliche Reproduktion zugewiesen, sondern sie werden ebenso zur Projektionsfläche von Eigenschaften wie Emotionalität, Liebesfähigkeit und Verstandesschwäche. Bereits 1999 formulierte Roswitha Scholz einen neuen theoretischen Ansatz zur Analyse des Geschlechterverhältnisses, in dessen Zentrum das Theorem der „Wert-Abspaltung“stand. Damit ist gemeint, dass eben die sozialhistorischen Zuschreibungen des „Weiblichen“ – von Hausarbeit, Kindererziehung bis zur emotionalen Zuwendung – einen von der kapitalistischen Verwertungslogik abgespaltenen Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion bilden, der gleichzeitig eine „stumme“ Bedingung und Voraussetzung der modernen Gesellschaften ist.

Dabei stellt Scholz den Mechanismus der Abspaltung sowohl in seinen materiellen als auch in seinen kulturell-symbolischen und sozialpsychologischen Dimensionen dar und zeigt auf, dass diese gesellschaftliche Grundstruktur des Kapitalismus kein starres Gefüge ist, sondern ein historischer Prozess mit verschiedenen Entwicklungsstufen. Gleichzeitig wird der Vortrag auch eine Kritik des „cultural turns“ beinhalten, welcher nach dem Ende des Realsozialismus auch die feministische Theoriebildung erfasst hat und sich in postmoderen Ideologiebildungen niederschlägt.

Alle Vorträge beginnen (pünktlich) um 19 Uhr im LiZe, Dahlienweg 2a. Das Antifa Café hat bereits ab 18 Uhr geöffnet.

Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht.

Druck finanziert durch den Solidaritätsfonds der Hans-Böckler-Stiftung

Laut §6 Versammlungsgesetz sind Rechte, Neonazis, deren SympathisantInnen sowie Personen, die in der Vergangenheit durch rassistische, antisemitische oder nationalistische Äußerungen aufgefallen sind, von der Veranstaltung ausgeschlossen.